Vier Tage im Bundestag

Quelle: www.noz.de

WESTERKAPPELN. Nein, Stephan Jaroschek ist kein Hochstapler. Und eine gespaltene Persönlichkeit hat der 19-Jährige auch nicht, obgleich er sich unlängst seinen Gesprächspartnern als „Thomas Meyer, CVP-Fraktion, 60 Jahre, eine Frau, zwei Kinder“ vorstellte. Der Schüler aus Westerkappeln schlüpfte im Jugendbundestag in Berlin für eine knappe Woche in die Rolle eines Abgeordneten.



Stephan Jaroschek im Büro von Dieter Jasper. Foto: privat

 

Im Zuge der Aktion „Jugend und Parlament 2011“ hatte der Hopstener Bundestagsabgeordnete Dieter Jasper (CDU) die Gelegenheit, einem Jugendlichen aus seinem Wahlkreis die Möglichkeit zu eröffnen, vier Tage lang die Arbeit eines Bundespolitikers hautnah kennenzulernen. Nach dem Motto „Versuchen kann ich es ja mal“ reichte Jaroschek seine Bewerbung ein – eine von vielen, wie Jasper sagt. Der 19-Jährige überzeugte offensichtlich und wurde von Jasper „einstimmig“ gewählt.

 

Jaroscheks Alter Ego Thomas Meyer ist selbstständiger Unternehmer im Bereich Windkraft und engagiert sich seit 40 Jahren in der CVP (Christliche Volks-Partei) – im realen Leben die CDU. Im Jugendparlament gibt es auch keine SPD. Deren fiktives Pendant heißt APD (Arbeiter-Partei Deutschlands), die FDP kommt als LRP (Liberale Reform-Partei) daher.

Nach dem Kennenlernen anderer Abgeordneter am ersten Abend gab es früh am nächsten Tag eine Sitzung der CVP-Landesgruppe Süd-West, bei der sich Stephan Jaroschek gleich um den Vorsitz bewarb.

Allerdings war er wohl noch nicht ganz ausgeschlafen oder etwas nervös. Denn seine persönliche Vorstellung „Ich habe zwei Frauen und ein Kind“ sorgte für unbeabsichtigte Lacher, wie der Schüler in seinem Erfahrungsbericht freimütig einräumt. Vielleicht deshalb reichte es für den Diplom-Agraringenieur aus Schwetzingen nur zum stellvertretenden Schriftführer.

Dann war Fraktionssitzung. Obwohl Jaroschek seit 2008 Mitglied der Jungen Union (JU) ist, wollte er eigentlich in die PSG-Fraktion (Partei sozialer Gerechtigkeit/Die Linke) oder in die ÖSP (Ökologisch-soziale Partei/Grüne). „Die sind übersichtlicher, jeder kann etwas sagen und muss sich nicht immer durchkämpfen“, meint er.

Gegen Abend stand die Arbeitsgruppensitzung an. Stephan Jaroschek nahm Platz in der Runde „Menschenrechte und humanitäre Hilfe“, wobei dies nur seine zweite Wahl war. So behandelte er den Themenkomplex „Journalistenverfolgung“.

Am nächsten Morgen fand die erste Lesung im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes statt. Und am Mittag durfte der Mandatsträger auf Zeit Jasper in dessen Büro besuchen. Dieser lud den Westerkappelner dann gleich zur Sommerparty der Landesvertretung NRW ein. „Die Veranstaltung war echt super, und man hat viele Persönlichkeiten getroffen“, erzählt der Schüler.

Es folgte der finale Tag beim Planspiel. Die zweite und dritte Lesung aller Gesetzesvorlagen standen an. Die komplette Debatte zog sich über drei Stunden ohne Pausen hin. Die CVP-Fraktion konnte zusammen mit der LRP alle Anträge und Gesetzentwürfe durchbringen. „Es war sehr offensichtlich, wie wenig Macht eigentlich die Opposition hat“, betont Jaroschek.

Nach vier anstrengenden Tagen blickt er auf reichliche Erfahrung zurück. „Die Sonderprivilegien, die wir hatten, waren auch sehr cool.“ Für Stephan Jaroschek war es nach seinen eigenen Worten eine lehrreiche Zeit, vor allem weil er die Form und den Vorgang eines Gesetzes bis zur Fertigstellung habe miterleben können.

„Wenn ich in Zukunft Bilder von Abgeordneten im Plenarsaal sehe und diesen die Augen zufallen, dann weiß ich warum. Man muss schon sehr hart an seiner Konzentration arbeiten, um bei jeder Sitzung voll dabei sein zu können.“ Die Arbeit eines Abgeordneten verdient seiner Meinung nach mehr Respekt in der Bevölkerung, als sie tatsächlich erhält.

Dieter Jasper zollt dem Engagement des 19-Jährigen anschließend Anerkennung „Einmal mehr hat sich bestätigt, dass die jungen Menschen oft besser sind als ihr Ruf. Ich erlebe sie im Wahlkreis und auch hier in Berlin als aufgeschlossen und interessiert; von Politikverdrossenheit ist da keine Spur zu finden.“

 
Impressum | Sitemap | Seite empfehlen