Katharina Hajek

Mein Praktikum im Deutschen Bundestag

Katharina Hajek

Katharina Hajek

Ein Blick in die Schaltzentrale des Polit-Raumschiffes

„Es ist ein bisschen wie in einem Raumschiff“ – dass Astrid Gutteck, Dieter Jaspers sympathische Assistentin, mit dieser Metapher den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf treffen würde, war mir schon nach den ersten zwei Stunden meines Bundestagspraktikums klar. Gemeinsam mit rund 80 weiteren Praktikanten und Neueinsteigern bewarben wir uns um einen kleinen, blauen Lichtbildausweis mit Bundestagsemblem der für die kommenden Wochen unsere Eintrittskarte in die Hallen der politischen Macht sein sollte. Ob bei den verschiedenen Fraktionen, bei einem der 622 Abgeordneten oder in einem bestimmten Referat – die Einsatzgebiete der Berlinneulinge waren ebenso vielfältig wie ihre Gesprächsthemen: Währungskrise, Energiewende, Bildungspolitik. Als die Ausweise an filigranen Metallkettchen reihenweise die Hemd- und Blusenkragen schmückten, hatten die meisten Neuankömmlinge – mich inbegriffen – bereits die Erde des Studiums verlassen und waren im Berliner Politik-Orbit angekommen.

Nachdem ich den ersten Tag damit verbracht habe, mich an meinem eigenen Schreibtisch in den Aufgabenbereich von Dieter Jasper – Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie – einzulesen, tauchte ich schon am zweiten Tag gemeinsam mit ‚meinem Abgeordneten‘ in den Politikalltag ein, der mich über die gesamten Praktikumswochen nicht mehr los ließ: Mit allerlei Vorlagen rund um die aktuellen Themen unter dem Arm konnte ich in verschiedenen Arbeitsgruppen den fachlichen Diskussionen lauschen: Politik bedeutet Meinungsaustausch – das gilt auch fraktionsintern. Insbesondere die Fraktionssitzung in Zeiten der Eurokrise hat das eindrücklich bewiesen – was außerhalb des Raumschiffes schnell als Uneinigkeit beschrieben wird, habe ich im Cockpit der Bundes-CDU als eine heftige aber alles in allem produktive Diskussion erlebt. Überrascht war ich hingegen von der parteiübergreifenden Arbeit: Die Diskussionen im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie waren weniger konstruktiv. So sei das in Berlin, erklärte mir Dieter Jasper, und meinte damit, dass, obgleich Opposition und Regierung sich auch austauschen, man häufig quasi ‚aus Prinzip‘ gegen Oppositionsanträge sei – so würden Beschlüsse gefasst. Obwohl mich diese Idee zumindest nachdenklich stimmte, fand ich sie im Laufe meiner Berlinzeit des Öfteren bestätigt. Ich kam aber zu der Auffassung, dass sie dem großen Verhaltensmuster ‚Bundespolitik‘ hilft, eine funktionsfähige Eigendynamik zu entwickeln.

Je tiefer Dieter Jasper und sein Team mich in das Raumschiff hineinblicken ließen, desto komplexer wurde meine Blaupause. Umso beeindruckter war ich, als ich feststellte, dass Dieter Jasper seinen Besuchern – meist Schülergruppen – eben diese Komplexität in einfachen Worten zusammenfasste. Und das auch noch ohne große Beschönigung, sondern sympathisch, realistisch und immer auf die Region zugeschnitten. Weniger passgenau, aber mindestens genauso spannend war für die Besucher in Sitzungswochen der Einblick in das Plenum, wo alle Abgeordneten sich treffen. Ein Glück für mich, dass ich dank meines Ausweises und einem Lächeln in Richtung Saaldienern fast täglich diese Möglichkeit hatte, mir die Debatten ungeschnitten und live anhören zu können. Als Studentin empfand ich sie nicht nur in Hinblick auf mein Nebenstudienfach Staatswissenschaften thematisch spannend, sondern auch aus dem Blickwinkel der Kommunikationswissenschaften – meines Hauptfaches – faszinierten mich die rhetorischen Techniken und der alltägliche Umgang der Raumschiffbesatzung miteinander.

Bei Beobachtungen allein ist es in meinen Wochen aber nicht geblieben. Selbststudium in der Parlamentsbibliothek, kleinere Hilfsarbeiten für das Team des Abgeordneten erledigen oder mitsortieren der Unmengen an Post, die täglich in seinem Büro eingehen. So habe ich dank der Offenheit von Astrid Gutteck und Guenaelle Le Déroff aktiv am Organisationsalltag des Abgeordnetenbüros teilnehmen dürfen.

Eintauchen und aktiv werden war auch das Credo des Praktikantenprogramms der CDU Bundestagsfraktion: Kontakte knüpfen und mit anderen Praktikanten die verschiedenen Schaltzentralen kennenlernen. Im Rahmen von Besichtigungen, Diskussionsrunden und Informationsveranstaltungen habe ich so die eine oder andere Politprominenz hautnah erleben dürfen. So zum Beispiel Wolfgang Schäuble, der mich mit seiner lockeren aber kompetenten Art überraschend beeindruckt hat, war ich doch zuvor Opfer des Vorurteils, der Finanzminister wäre ein wenig angenehmer Zeitgenosse. Mein persönlicher Favorit in Sachen Politikpraxis war der Kongress „Eurokrise“ der Familienunternehmer Deutschlands. Einen ganzen Vormittag konnte ich Experten zum Thema Eurorettung zuhören, um mir nachher in Diskussionen mit anderen Teilnehmern aus Politik und Wirtschaft eine eigene Meinung zu bilden. Was ich neben meinen Notizen für Dieter Jasper mitnahm war schlussendlich noch mehr als das: Sensibilität für das wirtschaftspolitische Parkett und zahlreiche neue, spannende Kontakte.

Ohnehin führte mich meine Erkundungstour durch das Raumschiff nicht nur durch die ehrwürdigen Hallen des Bundestages selbst – parlamentarische Frühstücke, thematische Mittagessen und Galaempfänge eröffneten mir einen Einblick in das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Bundeshauptstadt. Immer dabei: Dieter Jasper, der mir die zahlreichen Eigenheiten der Raumschiffbesatzung in gemeinsamen Gesprächen erklärte. Es war grade dieser Austausch neben dem politischen Parkett, den ich besonders zu schätzen gelernt habe.

Nun – wieder auf meiner Studienerde angekommen – blicke ich fasziniert und dankbar zurück. Ja – es ist ein bisschen wie in einem Raumschiff: Das Parlament ist eine nach eigenen Verhaltensmustern funktionierende Besatzung, die die Welt aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Nicht nur für das bei politische Entscheidungen nötige Bewusstsein für das ‚große Ganze‘ ist das mit Sicherheit ein lohnenswerter Blickwinkel, ebenso für einen Gastmatrosen wie mich: Lehrreich, spannend, mitunter sehr unterhaltsam war meine Zeit in der Hauptstadt eine unvergessliche Erfahrung.

 
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